Gerald Zemann, Chefredakteur
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Editorial, Ausgabe 5/2017


Liebe Leserinnen, liebe Leser!

„Das typische Dorfwirtshaus sperrt zu“, bringt es Mario Pulker, Obmann der Fachgruppe Gastronomie der Wirtschaftskammer Österreich, ohne Umschweife in unserer Coverstory (ab Seite 12) auf den Punkt. Damit geht auch ein Stück österreichischer Lebenskultur verloren. Gibt es wirklich keine Nachfrage nach einem Dorfwirt? Wo man sich zum Kartenspielen trifft, zum Diskutieren, zum Versöhnen. Wo man zur Taufe den jungen Erdenbürger hochleben lässt, zur Hochzeit tafelt, zu den Geburtstagen feiert und zum Leichenschmaus geladen wird?

Eine persönliche Bemerkung dazu: Meine Großtante in der Steiermark ging ab ihrem 80. Geburtstag jeden Monat zum Wirten ihres Dorfes und zahlte dort für ihren Leichenschmaus ein. Und bei den noch folgenden Geburtstagen betonte sie, es sei bereits für ihren Leichenschmaus gesorgt. Sie lebte noch volle zehn Jahre, dementsprechend groß war die Summe, die der Dorfwirt zur Verfügung hatte. Zuerst wurde getrauert, dann kamen die obligaten Reden, später wurde gespeist. Dann kam die Musik, es wurde getanzt, gelacht, gefeiert, für die Verstorbene wurde so mancher Tusch gespielt …

Ob dies heute überhaupt noch möglich wäre? Sicher nicht! Ich nehme an, der Dorfwirt müsste über eine Banklizenz verfügen. Wo doch sogar die Mitglieder des Sparvereins eines Gasthauses pauschal verdächtigt werden, Schwarzgelder anzulegen oder Terroristen zu finanzieren. Nein, kein Scherz, traurige Wahrheit, unsere Politik bringt solche Kunststücke zusammen.

Während die Wiener Kaffeehauskultur seit 2011 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehört, sperren am Land die Dorfwirtshäuser reihenweise zu. Mit ein Grund dafür ist die boomende Nebenerwerbs-Gastronomie. Egal ob Musikkapelle, Fußballverein oder politische Organisation, durch die Ausschank lässt sich ein Zubrot verdienen. Manches Vereinslokal ist mittlerweile besser ausgestattet als das Landgasthaus in der Nachbarschaft. Der Wust an behördlichen Auflagen trifft die Gastronomen mit voller Wucht, Vereine haben es deutlich leichter.

Ja, es gibt aber auch eine positive Entwicklung. In Summe ist die Gastronomie vielfältiger geworden. Die Betriebsart Restaurant verzeichnet deutliche Zuwächse, Ethnobetriebe, Fast-Food- oder Spezialitätenlokale bereichern die Szene, die Gesamtzahl der gastronomischen Betriebe hat in den vergangenen vier Jahrzehnten kräftig zugelegt – von rund 37.000 auf 58.000. Das Sterben des klassischen Dorfwirtes könnte mit einem einfachen Medikament verhindert werden. Das Heilmittel nennt sich „Frequentare“, am besten übersetzt mit „oft besuchen“. 


Gerald Zemann
gast(at)a3verlag.com