Gerald Zemann, Chefredakteur
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Editorial, Ausgabe 1-2/2017

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Wie österreichische Tourismuspolitik abläuft, wurde in der jüngeren Vergangenheit wieder einmal eindeutig demonstriert. Am 13. Jänner Pressekonferenz von Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner zum Thema „Investitionen auf der Überholspur – Tourismus überwindet Wirtschaftskrise“. Mitterlehner plauderte dabei recht locker, wie gut es der heimischen Hotellerie eigentlich gehe, von Krise keine Spur mehr. Auch die Steuererhöhung auf Logis konnte von den Hoteliers mit höheren Preisen an die Gäste weitergegeben werden. Konkret berichtete etwa die Tageszeitung Kurier: „Den Hoteliers sei es gelungen, die Preise anzuheben, die Umsätze liegen 2016 laut einer Wifo-Studie um 4,4 Prozent (real 2,1 Prozent) über dem Vorjahresniveau.“

Weiters wurde eine Auswertung der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank präsentiert, wonach sich die heimischen Hoteliers über sehr gesunde Betriebsergebnisse freuen dürfen, siehe dazu Seite 73. Nun, der Öffentlichkeit wurde ein nicht unbedingt vollständiges, der Realität entsprechendes Szenario auf’s Auge gedrückt. Nachfrage zuerst im Wirtschaftsministerium, danach im Wifo, wie man überhaupt auf einen Umsatzzuwachs in der Hotellerie von 4,4 Prozent käme? Die eindeutige Antwort des Wifo: Die Zahl 4,4 Prozent stamme aus einer Konjunkturprognose. Und nun der Kernsatz im Original: „Bitte zu beachten, dass es sich dabei nicht um Umsätze von Beherbergungsbetrieben handelt, sondern um Ausgaben von Touristen im Rahmen ihrer Reisetätigkeit, für Beherbergung, Verpflegung, Einkäufe und diverse sonstige Aktivitäten.“ Dies klingt doch ein bisschen anders. 

Dass rund ein Viertel der heimischen Hotelbetriebe beinahe bankrott sei, wie realitätsnahe Zahlen der Österreichischen Hoteliersvereinigung zeigen, auch dies dürfte dem Wirtschaftsminister entweder fremd sein – oder nicht in sein politisches Konzept passen. Dies ist gleich die Überleitung zu einem anderen politischen Phänomen. Im Zuge der Recherchen für unsere Coverstory fragte ich schriftlich und hochoffiziell bei der Pressestelle der Polizeidirektion Steiermark an, ob es im vergangenen Jahr einen Zuwachs der Anzeigen wegen Cybercrime gab und ob dabei Tourismusbetriebe verstärkt betroffen seien. Die Antwort kam telefonisch: Man darf dies nicht beantworten, man darf erst antworten, wenn der Herr Innenminister die österreichische Kriminalstatistik 2016 veröffentlicht – und dies wird voraussichtlich im März sein. Ein Faschingsscherz? Nein, trauriger Alltag in der österreichischen Amts- und Politszene.

Gerald Zemann
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