Mag. Christian Krebs, Chefredakteur
Editorial, Ausgabe 9/2017


Der Lobbyist, als Mensch betrachtet.

Der Lobbyist, als Mensch betrachtet, ist auch nur ein solcher: Er küsst, bewundert oder schlägt seine Frau (man beachte: die Lobbyistin ist ein eher seltenes Reh), hat ab und zu Verdauungsstörungen, popelt im Stau heimlich in der Nase, während er verstohlen in den Rückspiegel schielt, und sitzt auf der Toilette wie wir – nämlich mit heruntergelassener Hose.

Der Lobbyist, als Mensch betrachtet, hat wie wir seine Vorlieben beim Wein, beim Bier und beim Sex, er vergisst manchmal etwas oder haut auf den Putz, er streichelt seinen Hund oder seine Kinder oder setzt sie unter Druck, wenn’s in der Schule mal nicht so rennt, er hat eine Freundin oder wird von ihr verlassen, und dann ist er traurig. Wie wir. Auch Lobbyisten können weinen.

Der Lobbyist, als Mensch betrachtet, ist also auch nur ein ebensolcher – mit einem entscheidenden Unterschied: Sein Beruf bringt es mit sich, dass er direkten Kontakt und Zugang zu Personen hat, die wir nur aus dem Fernsehen oder der Zeitung oder auch gar nicht kennen.

Zugang zu Politikern, Repräsentanten, Amtsträgern, Gesetzesmachern – Zugang zu den Mächtigen. Sein – in aller Regel mehr als gut bezahlter – Job ist es, diesen Leuten die Wünsche und Interessen seiner Auftraggeber (Wirtschaftsverbände, Konzerne, Organisationen) nahezubringen, um Gesetze, Geschäfte etc. in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Dieser Unterschied macht ihn zu etwas Besonderem. Denn der vielzitierte Otto Normalverbraucher hat nie das Geld, um millionenschwere Lobbyingkanzleien etwa dafür zu bezahlen, dass sie sich vielleicht des Themas „Kalte Progression“ annehmen, das die Politik immer mal wieder aus der Hosentasche zieht, um es ebenso schnell wieder darin verschwinden zu lassen. Nur mal so als Beispiel.

Man kann also sagen, dass der Lobbyist dank des Geldes, das ihm zur Verfügung gestellt wird, die Möglichkeit hat, Gesetze im Interesse seiner Auftraggeber zu beeinflussen – mithin: demokratische Prozesse mit Geld auszuhöhlen.

Daher hat der Begriff Lobbying nicht nur in Österreich, aber auch gerade hier, einen degoutanten Beigeschmack (ich mag hier nicht all jene Skandale und Namen der jüngeren Vergangenheit aufzählen, jeder kennt sie ja) und wird in einem Atemzug mit Mauschelei, Vettern- oder Freunderlwirtschaft, Korruption und bezahlter Einflussnahme hinter verschlossenen Türen genannt.

Und nach CETA und TTIP erleben wir gerade, wie diesmal die Auto-Lobby im Verein mit der deutschen Bundesregierung mit allen Mitteln versucht, den Diesel-Skandal herunterzuregeln, der zwar von VW ausging, aber längst nicht nur mehr diesen Konzern betrifft – ein weiteres, anschauliches Beispiel mit jenem fragwürdigen haut goût.

Umso erstaunlicher – um nicht zu sagen: bewundernswerter – ist es, dass Autor Wolfgang Lusak in seinem Artikel „Das faire Lobbying“ (hier ab Seite 21) bei durchaus kritischer Betrachtung den Versuch unternimmt, das Thema Lobbying aus der Schmuddel-Ecke herauszuholen, in die es seine professionellen Protagonisten selbst gestellt haben: Er plädiert für ein faires und transparentes Lobbying als Marketing- und Management-Instrument zum Nutzen aller.

Nun bin ich zwar der Meinung, dass durch die Skandale und politischen Obszönitäten, die inzwischen mit dem Begriff Lobbying verbunden werden müssen, dieser ebenso „verbrannt“ ist wie etwa – das wissen wir spätestens seit Victor Klemperers „Lingua Tertii Imperii“ – der Begriff „Volksgemeinschaft“. Aber man kann die Frage ja mal zur Diskussion stellen. Was hiermit geschieht. 

Christian Krebs
c.krebs(at)a3verlag.com