Mag. Christian Krebs, Chefredakteur
Editorial, Ausgabe 10/2017


Media-Währungen unter Beschuss

Wolfgang Fellner nimmt einmal mehr die Media-Analyse (MA) und ihren Trägerverein wegen seiner schlechten Zahlen unter Beschuss (siehe dazu den Bericht ab S. 80): Er fühlt sich ungerecht behandelt. Beziehungsweise sein Blatt, in dem übrigens – wie sich „Kurier“-Chefredakteur Helmut Brandstätter per Gerichtsurteil bestätigen ließ – erfundene Interviews und gefakte Fotos veröffentlicht werden können und das in bemerkenswerter Regelmäßigkeit die Leserbrief-Seiten der „Krone“ wirken lässt wie die Feuilleton-Abteilung der intellektuellen und geistigen Elite Österreichs.

Und ausgerechnet ihm, dessen segensreiches Wirken ja schließlich auch von der öffentlichen Hand jener Republik gleichen Blatt-Namens mit Inseraten-Millionen vergolten wird, bescheinigt die MA signifikant sinkende Leserzahlen – da könnte ja nun jeder kommen!

Fellner beklagt im Kern, dass seit der letzten Methodenänderung der MA „durch das Fehlen expliziter Fragen zur Print- oder Online-Nutzung … die Print-Leser und Online-Nutzer in hohem Maße vermischt“ würden. Dadurch seien „jene Zeitungstitel, die keine gleichlautende Online-Seite betreiben – wie ‚Österreich‘ mit seinem Portal oe24.at – massiv benachteiligt“.

Dazu wäre erstens zu fragen, was ihn geritten hat, genau diese Aufspaltung seiner Marke „Österreich“ vorzunehmen – jeder Marketing-Lehrling hätte ihm sagen können, dass die Spaltung einer Marke nur äußerst selten zu ihrer Stärkung führt.

Und zweitens: Wie kommt es, dass andere, die eigentlich das gleiche Problem haben müssten – die „OÖ Nachrichten“ sind z. B. unter nachrichten.at zu finden und konnten sich in der aktuellen MA steigern, detto die „Salzburger Nachrichten“ (sie satteln eben von salzburg.com zu sn.at um) oder die „Vorarlberger Nachrichten (vn.at) –, sich nicht beschweren? Vielleicht, weil sie clevere Arbeit leisten? Vielleicht, weil bei ihnen echte Leser-Blatt-Bindung im Mittelpunkt steht statt Revolver-Journalismus?

Auch Alexander Geringer von Ahead Media („Home“) verstand nicht, warum die Konkurrenz immer bessere Zahlen bekam als er, ging vor Gericht – und erreichte jetzt, dass die MA künftig mit einem „Warnhinweis“ versehen werden muss: Eine Richterin meinte, dass die MA-Reichweiten, „obwohl diese auf mangelfreien Erhebungsmethoden beruhen, dahingehend unüberprüfbar sind, dass die tatsächlichen Reichweiten außerhalb der statistischen Schwankungsbreiten liegen können und von den Ergebnissen der Media-Analyse grob abweichen können“.

Danke, Frau Richterin, dass Sie uns so profund den Unterschied zwischen exaktem „Nasenzählen“ und der Marktforschung – einer auf wissenschaftlichen Grundlagen basierenden, repräsentativen Markteinschätzung – erläuterten: Da wären wir ja von allein nie drauf gekommen!

Schließlich passte auch einigen Mitgliedern der Österreichischen Webanalyse (ÖWA) die selbige nicht mehr (siehe Bericht ab S. 76), und obwohl im Verein gerade große Neuerungen und Verbesserungen vor dem Abschluss stehen, zogen sie den Austritt vor – und gemurmelt wird, jeder könne ja in Zukunft seine eigenen Tools einsetzen.

Ja, natürlich, jeder kann, wie er will, wo er will und mit wem – die Freiheit des Marktes ist grenzenlos. Bemerkenswert ist aber, dass gegenwärtig jene Media-Währungen in Frage gestellt werden, um deren Etablierung vor Jahren so lange und hart gekämpft wurde: Zumindest die damals Beteiligten werden sich daran erinnern, wie wichtig es ist, in jedem Bereich eine von allen – Werbekunden, Medien wie Agenturen – akzeptierte „Media-Währung“ zu haben, eine gemeinsame, unabhängige Währung, die wirkliche Leistungs-Vergleiche überhaupt erst ermöglicht.

Das sollte sich die Branche nicht von ein paar Egomanen oder Algorithmen-Freaks kaputtmachen lassen. 

Christian Krebs
c.krebs(at)a3verlag.com