Mag. Christian Krebs, Chefredakteur
Editorial, Ausgabe 5/2017


Die Gästin. Was noch zu gendern wäre.

„Und während der Ski-Star noch fleißig Autogramme gab, zwitscherte die Ski-Starin bereits fröhlich zwischen den Slalomstangen davon.“

Das klingt wie das Ende eines wunderschönen Märchens, nicht wahr? Eines Märchens, in dem alles politisch korrekt gegendert wurde, wie es sich gehört. Man könnte es fortschreiben: „Der Gast köpfte seiner Gästin liebevoll die Frühstückseier, auf dass ihr diese doch stets ein wenig brutal anmutende Handlung erspart bliebe.“

Im Angebot hätten wir noch weitere Anekdoten über den Vorstand und die Vorständin, den Clown und die Clownin oder den Champion und die Championin, ganz zu schweigen vom Lehrling und der Lehrlingin – sagt zwar auch noch keiner, aber wetten, das kommt. Sehr kreativ gegendert wurde jedenfalls bereits die „Integrationslots_in“: Die Verhunzung der Sprache von Rilke, Kafka und Brecht – um mal auf die totzitierten Dauerbrenner, den Herrn Geheimrat aus Weimar und seinen Freund, zu verzichten – nimmt weiter Fahrt auf.

Aber muss die jahrtausendlange Unterdrückung weiblicher Rechte und Freiheit wirklich mit einer Vergewaltigung der Sprache beantwortet werden? Ist es nicht wichtiger, endlich die wirkliche Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft – rechtlich, finanziell, kulturell – nicht nur zu fordern, sondern zu schaffen, anstatt auf sprachliche Kompensations-­Diskurse auszuweichen?

Aber nein, es wird gegendert, was der Duden (nicht) hergibt, und ganz wichtig: Auch englische Worte müssen natürlich konsequent gegendert werden. Wie etwa Mastermind und Mastermindin oder User und Userin – die erfand ich (wie ich meinte) an einem trüben, miesepetrigen Montagmorgen und dachte: Das ist jetzt wirklich ganz schön herbeigedrechselt.

Aber weit gefehlt: Kurz darauf erreichte mich die niederschmetternde „Einladung: 2. Symposium Medienethik – Produsage: Wo bleibt die medienethische Verantwortung der User­Innen?“. Das Copyright an dieser Missgeburt als Produkt der schamlosen Vergewaltigung sowohl des Deutschen als auch des Englischen gebührt der FH St. Pölten – ja Leute, geht’s noch? Habt ihr noch alle sprachlichen Tassen im Schrank?

Bereits die feministische Linguistin Luise F. Pusch nahm am Wort „Flüchtling“ Anstoß und legte in ihrem Blog „Laut & Luise“ den Finger in die – gendermäßig betrachtet – sprudelnd blutende Wunde: „Rein sprachlich gesehen“ sei dieses Wort nämlich „ein Problem, denn das Wort ‚Flüchtling‘ ist – wie alle deutschen Wörter, die mit ‚-ling‘ enden – ein Maskulinum, zu dem sich kein Femininum bilden lässt.“ Sic est!

Frau Luise weiter: „Bei ‚Pfifferling‘, ‚Jüngling‘, ‚Engerling‘, ‚Bratling‘, ‚Schmetterling‘ und ‚Fäustling‘ stört uns das nicht weiter, bei ‚Wüstling‘, ‚Lüstling‘ und ‚Feigling‘ erst recht nicht, aber bei ‚Liebling‘ wünschen wir uns schon manchmal was Weiblicheres, und bei ‚Flüchtling‘, ‚Lehrling‘, ‚Täufling‘ und ‚Säugling‘ wird es echt zum Problem. Diese maskulinen Bezeichnungen verdrängen Mädchen und Frauen aus unserem Bewusstsein; sie lassen in unseren Köpfen automatisch Bilder von Jungen oder Männern entstehen.“

Falls dies ernst gemeint ist: Sollte eine Frau beim Lesen der Worte „Pfifferling“ oder „Bratling“ wirklich Jungen und Männer assoziieren, dann – dann gehört ihr wirklich ganz dringend geholfen, und Frau Luise gleich mit. Aber nicht von der Gender-­Gendarmerie.

Dagegen wünscht sich natürlich jeder von uns charakterversifften Machos vorzugsweise eine kleine Lüstlingin, die gerne auch etwas Wüstlingin sein kann – jedenfalls ein bisschen. Seht ihr, wir haben damit kein Problem.

Christian Krebs
c.krebs(at)a3verlag.com