Mag. Christian Krebs, Chefredakteur
Editorial, Ausgabe 6/2017


Content-Schock & Reizüberflutung.

Content, Content, Content: Kaum eine Marketingform hat in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit erfahren wie Content Marketing, es wurde als DER Trend durchs Dorf geprügelt – kaum eine Marketingabteilung, die nicht draufsprang.

Das Ergebnis ist der Content Shock: Mark Schaefer, ein US-amerikanischer Autor und Berater mit Fokus auf Social Media-Marketing, prägte bereits 2014 diesen Begriff, als er sah, dass der viele Content eine Reizüberflutung auslöste, u. a. deswegen, weil sich soziale Netzwerke wie Facebook vom Social Network zum Publisher Network wandelten.

Denn Content ist längst nicht auf soziale Netzwerke beschränkt: Immer mehr Marken und Unternehmen werden zu Content-Produzenten, die Inhalte erstellen – Bilder, Videos, Grafiken, Texte, eigene Magazine und TV-Produktionen. Immer mehr Content. Für immer mehr Plattformen und immer mehr Medien.

Der Content-Anteil wächst rasant, ebenso wie die Anzahl der Kanäle, in denen er verbreitet wird – das einzige allerdings, was dabei nicht einmal annähernd mitwächst, ist das Zeit- und Aufmerksamkeits-Budget der Konsumenten in spe.

Und Marken und Werbungtreibende stellen längst fest, dass ihre Botschaften in einem immer stärker fragmentierten digitalen Markt untergehen und dass Targeting & Content & Co. die hohen Investitionskosten dafür kaum noch einspielen. Denn Content-Erstellung und die Pflege der Inhalte sind teuer: Das kann nicht an Maschinen oder Algorithmen ausgelagert werden, das muss von Spezialisten erledigt werden.

Ein paar Zahlen, schon voriges Jahr vom App-Programmierer Appkind präsentiert: Fast eine Milliarde User sind täglich auf Facebook unterwegs, mehr als 50 Millionen Unternehmens-Websites kämpfen um Aufmerksamkeit – und die durchschnittliche Reichweite eines Postings beträgt gerade einmal zwei Prozent! Daher bewerben ca. 75 Prozent der Unternehmen ihre Postings noch zusätzlich, um etwas mehr Reichweite zu generieren – das kostet wieder Geld.

Bei einem Besuch der Facebook-Timeline sieht man durchschnittlich 1.500 Postings bzw. von Freunden gelikte Seiten – zum Vergleich: Auf einem Foto vom New Yorker Times Square sind ca. 50 Neon-Signs bzw. -Logos sichtbar. Die Reizüberflutung nimmt also ungeahnte Ausmaße an.

Auf Facebook werden jede Minute 2,46 Millionen neue Inhalte hochgeladen, auf YouTube gibt es jede Minute ca. 400 Stunden neues Videomaterial – das Ergebnis: Über 50 Prozent aller Online-Artikel haben laut Appkind weniger als zwei Shares (Interaktionen) , und selbst Google musste laut „AdAge“ bereits 2015 einräumen, dass 46 Prozent der Web-Video-Ads keine Chance haben, je gesehen zu werden.

Dafür wird verdammt viel Geld in diesen Bereich investiert – aber auch da deutet sich eine Trendwende hin zu mehr Vernunft an: Marc Pritchard von Procter & Gamble, Chief Marketing Officer des weltweit größten werbungtreibenden Unternehmens, shiftet gerade Millionen von Werbeinvestitionen von Online zu Klassik (siehe S. 6). Während P&G allein in Deutschland die Investitionen in TV um 65 Mio. auf 253 Mio. Euro gegenüber 2016 anhob, liegt der Konsumgüterriese laut Nielsen bei der Web-Werbung nur noch knapp über der 5-Millionen-Euro-Grenze.

Langsam rückt sich auf dem Boden der Tatsachen einiges wieder zurecht.

 

Christian Krebs
c.krebs(at)a3verlag.com