Mag. Christian Krebs, Chefredakteur
Editorial, Ausgabe 3-4/2017


Die Kunst, noch schneller zu verblöden.


Aus den USA – woher sonst – droht uns ein neuer Trend (nein, jetzt ist mal nicht von irgendwelchen Trumpeliaden die Rede), und wie bei jeder neuen Kuh, die durchs Dorf getrieben wird, dürfte es auch jetzt wieder genug dumme Jungs (und Mädels – nur um die Gleichberechtigung zu wahren) geben, die ihr johlend hinterher laufen.

Die Rede ist von „Speed watching“ – und gemeint ist das Glotzen von TV-Serien mit bis zu doppelter oder sogar höherer Geschwindigkeit. Angeblich kann man sein Gehirn daran gewöhnen – aber das gewöhnt sich ja sowieso an fast alles.

Zur Erinnerung: Früher sahen wir eine Fernseh-Serie. So was wie „Kaisermühlen Blues“ etwa. Die kam vielleicht einmal in der Woche und war am nächsten Morgen Gesprächsthema in der Firma. Dann kam die Daily Soap, sozusagen die tägliche Gehirnweichspülung. Dann kamen die Serien-Abende, wie sie uns die Privaten und gleichfalls der ORF vermitteln, um via „CSI“ & Co. auch uns geistig unterbelichteten die Freuden des Brachial-Trivialen anzutragen.

Dann kamen der DVD-Recorder und „Binge watching“ – die Kunst, sich in einer Nacht so viele Folgen einer Serie am Stück reinzuziehen wie nur möglich. Das wiederum war gut für Handel und FMCG-Produzenten, denn Binge watching hält man nur unter permanenter Aufrechterhaltung der Zufuhr von Bier & Chips aus.

Jetzt also „Speed watching“: „Big Bang Theory“, „Breaking Bad“, „Gilmore Girls“, „Game of Thrones“ sowieso und natürlich „The Walking Dead“ in 1,2-facher, 1,6-facher oder sogar 2,4-facher Geschwindigkeit – das ist eine einzige „CrashBangZingFlashBlutSpritz-Schrei-Shit“-Orgie, dass es nur so kracht. Vier Folgen „Ghost Whisperer“ in nur einer Stunde? Kein Problem – kurze Pause, Toilette, Nachschub ordern („Melaniiie, jetzt aber her mit dem Bier, und zwar kalt, aber dalli-dalli!, es geht weiiiter!“), und dann die nächste Runde. Bei Runde 12 ist die Nacht vorbei und der Kopf bladlwaach: So schön kann Verblöden sein – ausprobieren (www.fm1today.ch/warum-speed-watching-doof-ist/447528)!

Anderes Fach, gleiches Thema: Ausgesprochen blöd gelaufen ist es auch mit der Werbeabgabe. Nun mag man ja dem VÖZ unterstellen, dass er wahrhaftig das hehre Ziel ins Auge fasste, sie mit seiner Herbst-Initiative gänzlich abzuschaffen (aber bitte: Wie blauäugig muss man denn als gelernter Österreicher sein, um auch nur im Traum daran zu denken, dass dies geschehen könnte?) oder sie wenigstens zu senken. Allerdings: Die Verleger lieferten auch gleich die dritte Möglichkeit argumentativ mit – sie auf Online auszuweiten (wenn schon Unrecht, dann für alle gleich).

Ich behaupte: Noch nie in der unendlichen und unendlich traurigen Geschichte österreichischer Medien-(Nicht-)Politik wurde ein Vorschlag aus der Branche so freudig und so schnell in ein Regierungsvorhaben gegossen wie jetzt – das muss ein Johlen und Händeklatschen in den Finanzressorts gewesen sein!

Nicht ganz abwegig daher der Gedanke, dass die Onliner auch angesichts derartiger Hinterfotzigkeit nun ihrerseits dem Media Server einen Tritt in den Allerwertesten gaben – den brauchen sie am wenigsten, und dafür auch noch zahlen, igitt!

Das internet advertising bureau austria (iab) kritisiert jedenfalls zu Recht, dass es wieder einmal nur österreichische Unternehmen treffen werde: „Das Abführen einer Werbeabgabe von internationalen Anbietern ist nicht administrierbar.“ Und daran werden auch die Krokodilstränen, die manchem Verleger in der jüngeren Vergangenheit entglitten, nichts ändern.

Christian Krebs
c.krebs(at)a3verlag.com